Geschichte im Überblick

Die Geschichte des Landkreises Schlawe in Pommern bis 1945

Seite 1: Von den Anfängen bis zum Kaiserreich

1. Einleitung: Das Land Schlawe in Pommern

Der Landkreis Schlawe, auch bekannt als Kreis Schlawe i. Pom., war ein historischer Landkreis im Osten der preußischen Provinz Pommern. Seine Lage an der Ostseeküste und im Hinterland prägte seine Entwicklung maßgeblich. Der Kreis umfasste größere Städte wie Schlawe (Sławno) als Kreisstadt und das bekannte Seebad Rügenwalde (Darłowo), aber auch zahlreiche kleinere Gemeinden und Gutshöfe. Geprägt war die Region von Landwirtschaft, Fischerei und später auch vom Tourismus. Seine Geschichte ist eng mit der allgemeinen Entwicklung Pommerns und später Preußens verbunden und spiegelt die wechselvollen Zeiten Mitteleuropas wider.

2. Frühe Geschichte: Slawen, Herzöge und Kriege (Mittelalter bis 17. Jahrhundert)

Die Wurzeln des Landkreises reichen weit zurück. Schon vor der deutschen Ostsiedlung war das Gebiet von westslawischen Stämmen, den sogenannten Kaschuben, besiedelt. Die Stadt Schlawe (ursprünglich Slawno) war ein frühzeitlicher zentraler Ort. Im 12. Jahrhundert begann die Christianisierung und die schrittweise Eingliederung in das Herzogtum Pommern. Die Herzöge aus dem Hause der Greifen, die Pommern beherrschten, förderten die Besiedlung durch deutsche Bauern, was zur Gründung vieler neuer Dörfer führte und die landwirtschaftliche Prägung der Region verstärkte.

Im Mittelalter spielte auch der Adel eine wichtige Rolle, darunter die Familie der Swenzonen, die große Teile des Schlawe-Rügenwalder Landes besaßen. Rügenwalde entwickelte sich als wichtiger Seehafen und Handelsplatz. Mit dem Aussterben der Greifenherzöge im Jahr 1637 und den verheerenden Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), der auch Schlawe schwer traf, endete die Eigenständigkeit Pommerns. Das Gebiet kam im Rahmen des Westfälischen Friedens zu Brandenburg-Preußen.

Ausschnitt aus „Landkarte des Herzogtums Vor- und Hinterpommern aus dem Jahr 1794
Christian Friedrich Wutstrack. „Kurze historisch-geographisch-statistische Beschreibung des Herzogtums Vor- und Hinterpommern. 2. berichtigte Auflage, Stettin 1795 PD via wikimedia commons

 

3. Preußische Zeit: Neuordnung und Entwicklung (18. Jahrhundert bis 1871)

Nach dem Dreißigjährigen Krieg lag Pommern, und damit auch das Schlawe-Rügenwalder Land, weitgehend verwüstet. Unter preußischer Herrschaft begann der Wiederaufbau. Im 18. Jahrhundert wurden umfassende Verwaltungsreformen durchgeführt, die zur Schaffung der Landkreise, wie wir sie kennen, führten. Der Kreis Schlawe wurde so als feste Verwaltungseinheit etabliert.

Die preußischen Könige förderten die Wiederbesiedlung und die Entwicklung der Landwirtschaft. Neue Anbaumethoden und die Urbarmachung von Flächen trugen zur wirtschaftlichen Erholung bei. Die Fischerei an der Küste blieb ein wichtiger Erwerbszweig. Industrielle Entwicklungen waren in dieser Zeit noch marginal, es dominierte eine agrarisch geprägte Gesellschaftsstruktur mit einer starken Abhängigkeit von den Großgrundbesitzern. Das Leben der Bevölkerung war hart, aber stabilisierte sich zunehmend unter der preußischen Verwaltung.

4. Deutsches Kaiserreich: Aufbruch in die Moderne (1871-1918)

Mit der Reichsgründung im Jahr 1871 und dem Beginn des Deutschen Kaiserreichs erlebte auch der Landkreis Schlawe einen deutlichen Aufschwung. Die politische Stabilität und die Industrialisierung im Reich wirkten sich positiv aus. Besonders wichtig war der Ausbau der Infrastruktur: Die Eisenbahn erreichte Schlawe und Rügenwalde, was den Transport von Gütern und Personen erheblich verbesserte und die Region besser an das restliche Deutschland anband. Dies förderte sowohl die Landwirtschaft als auch den aufkommenden Tourismus an der Küste, insbesondere in Rügenwalde, das sich zu einem beliebten Badeort entwickelte.

Die Städte Schlawe und Rügenwalde wuchsen, und es entstanden neue Betriebe, auch wenn die Großindustrie in anderen Regionen Preußens konzentriert war. Die Demografie des Kreises zeigte ein stetiges Wachstum, und die Lebensbedingungen verbesserten sich für viele Einwohner, auch wenn die sozialen Unterschiede weiterhin groß blieben. Der Erste Weltkrieg beendete diese Phase des Aufschwungs abrupt und stellte den Landkreis vor neue Herausforderungen.

 

5. Weimarer Republik: Zwischen Krisen und Konsolidierung (1918-1933)

Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Gründung der Weimarer Republik brachten tiefgreifende politische und soziale Veränderungen mit sich. Auch der Landkreis Schlawe war davon betroffen. Die Nachkriegsjahre waren von großer Unsicherheit, Inflation und wirtschaftlichen Schwierigkeiten geprägt. Die traditionell konservative und landwirtschaftlich orientierte Bevölkerung des Landkreises stand den neuen demokratischen Strukturen oft skeptisch gegenüber.

Die Landwirtschaft, weiterhin der dominierende Wirtschaftszweig, litt unter den wirtschaftlichen Schwankungen. Der aufkommende Tourismus an der Küste, vor allem in Rügenwalde, bot jedoch eine willkommene Einnahmequelle und trug zur wirtschaftlichen Stabilisierung bei. Trotz der Krisenjahre gab es Bemühungen, die Infrastruktur weiter zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen. Die politische Landschaft wurde zunehmend polarisiert, und extreme politische Kräfte gewannen an Einfluss, insbesondere am Ende der Republik während der Weltwirtschaftskrise.

6. Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg: Das Ende einer Ära (1933-1945)

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 begann ein neues, dunkles Kapitel. Die nationalsozialistische Ideologie durchdrang alle Bereiche des öffentlichen Lebens im Landkreis Schlawe, wie im gesamten Deutschen Reich. Die Verwaltung wurde „gleichgeschaltet“, und politische Gegner sowie jüdische Mitbürger wurden verfolgt. Der ländliche Raum Pommerns und seine Bevölkerung wurden in die nationalsozialistische Agrar- und Rassenpolitik eingebunden. Es gab eine verstärkte Militarisierung, und der Landkreis wurde wie andere Regionen auf den Krieg vorbereitet.

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 hatte zunächst keine direkten kriegerischen Auswirkungen auf den Landkreis, doch die männliche Bevölkerung wurde zum Militärdienst eingezogen, und die Wirtschaft wurde auf Kriegsproduktion umgestellt. Mit fortschreitender Kriegsdauer wurden die Entbehrungen für die Bevölkerung immer größer.

Ab Anfang 1945 rückte die Ostfront schnell näher. Die Bevölkerung des Landkreises Schlawe sah sich mit der bitteren Realität des Krieges konfrontiert. Angesichts der heranrückenden Roten Armee setzte eine chaotische Fluchtbewegung ein. Viele Bewohner versuchten, über die Ostsee oder auf dem Landweg nach Westen zu gelangen, um den Kampfhandlungen und der Besetzung zu entkommen. Der Landkreis Schlawe wurde im Frühjahr 1945 von sowjetischen Truppen besetzt.

Nach Kriegsende kam das Gebiet des ehemaligen Landkreises Schlawe unter polnische Verwaltung. Die verbliebene deutsche Bevölkerung wurde in den folgenden Jahren vertrieben, und das Gebiet wurde mit polnischer Bevölkerung neu besiedelt. Damit endete die über 700-jährige deutsche Geschichte des Landkreises Schlawe in Pommern.